Булат Окуджава
Kleine Stadt auf Altwassern

   Warnung: Ich bin nur ein zufälliger Durchreisender. Ich bin auf der Durchreise in dieser kleinen Stadt. Ich schreibe darüber, was auf der Oberfläche liegt und deutlich zu sehen ist. Ich habe nicht vor, hier lange zu bleiben und etwas kennen zu lernen. Ich habe einfach gereist laienhaft, lebenslustig und hastig, wie Tausende von Menschen im Sommer reisen. Ich habe ihre Bewohner nicht kennen gelernt. Ich hatte keine Zeit. Die ganze Stadt wurde mir als eine Person dargestellt. Ich sah sie gehend. Sie hat mich überrascht. Und so bewunderte ich ihren Gang, ihre Silhouette, ihre Gesten, sobald sie an mir vorbeigegangen war und um die Ecke der Donau verschwunden hat.
   Alles begann so.
   Wir fuhren mit einem Fischereifahrzeug flussaufwärts der Donau. Der Flusslauf war stark. In der Nähe schwamm ein Kahn. Nämlich ist es sehr schwierig, den Flusslauf in einem kleinen Kahn mit Rudern zu bewältigen. In einem Kahn saßen zwei alte grauhaarige Männer mit bronzenen Gesichtern, die zusammen einhundertsiebzig Jahre alt waren. Die Bewältigung des Flusslaufs war für sie vielleicht hundertmal schwerer. Und wir fuhren mit einem Fischereifahrzeug. Und die Maschine funktionierte gut. Das große Fischereifahrzeug fuhr in der Nähe vom kleinen Kahn, das große Fischereifahrzeug beeilte zum Pier, nachdem es zwei Monate im Meer verbracht hatte, so war es!
   Und dann einer der alten Männer stand auf und schrie etwas zu uns. Und sofort schrie der Kapitän des Fischereifahrzeugs durch das Sprachrohr, und die Maschine funktionierte nicht mehr und das Fischereifahrzeug schwamm auf der Welle. Und es war doch in Eile! Und dann sah ich, wie ein alter grauhaariger Mann, wie der antike Junge das Tauende zum Fischereifahrzeug schleuderte (nicht warf, sondern schleuderte), wo man es schnell am Bord befestigte. Die Maschine begann wieder ihre Arbeit und das Fischereifahrzeug fuhr weiter, der Kahn fuhr im Schlepptau. Im Kahn saßen zwei Götter und setzten ihr langsames Gespräch fort. Das Fischereifahrzeug fuhr langsam, sonst wäre der Kahn mit Wasser gespült. Es fuhr langsam, die Fischer auf Fischereifahrzeug hatten doch es eilig. Sie eilten sich zur Anlegestelle, nach Hause! Verstehen Sie, was das bedeutet, wenn sich der Fischer zum Ufer eilt? Das Wetter ist schön und die Donau ist freundlich, und alte Männer können das Ufer selbst erreichen… Dann wurde die Leine vor dem Dorf losgeworfen, die alten Männer standen in ganzer Größe auf und zogen ihre Hüte und blickten dem weiterfahrenden Fischereifahrzeug würdig und dankbar nach.
   Vilkovo ist eine sehr kleine Fischerstadt mit den einstöckigen Häusern in der Mündung der Donau. Man nennt sie üblich das sowjetische Venedig. Wirklich gibt es dort die danubischen Durchflüsse, die engen Kanäle-Altwasser. Statt des Pflasters gibt es ein Altwasser, im Altwasser gibt es ruhiges, grünes undurchsichtiges Wasser. Über die Altwasser schwimmen die Kähne, die der venezianischen Gondeln und indianischen Pirogen ähnlich sind. Die alten Männer, die Jungen, die Frauen, die Männer führen die Kähne. Auf den Kähnen transportiert man alles, was man in normalen Dörfern im Bauernwagen transportiert. Die Altwasser entlang gibt es Holzstege auf Pfählen.    Das sind Fußsteige. Über die Altwasser gibt es leichte Laufbrücken. Hinter den Fußsteigen gibt es Zäune, Gärten und die weißen Häuser im Schatten der Bäume. Ich weiß die Umstände der Entstehung von Vilkovo nicht, aber ich bin sicher, dass keiner von den Gründern die Dienstreisen nach Venedig unternommen hat, um die Bauprinzipien der berühmten italienischen Stadt kennen zu lernen, dass niemand aus Venedig oder aus Amerika die Zeichnungen der Gondeln und Pirogen gebracht hat. So beschloss die Donau. Ein Teil der Altwasser liegt senkrecht zu der Donau, „die schöne blaue Donau“, deren Wasser undurchsichtig und gelb wegen des Schlicks ist. Ich habe die illuminierten Kähne und Maskeraden nicht gesehen. Man amüsiert sich in Vilkovo ein bisschen anders. Es gibt dort die Ruderboote mit kleinen Motoren, sie arbeiten den ganzen Tag, transportieren die Menschen und Güter. Das sind die Bauernwagen. Haben Sie einmal die illuminierten Bauernwagen gesehen?
   Die Hauptsache besteht aber nicht darin.
   Es ist bekannt, dass die Erde auf drei Walen steht. Vilkovo steht auf zwei Walen. Der erste ist Fisch, und der zweite ist der dunkle danubische Schlick. Die Fische werden in der Donau gefangen. Die meisten Fischer reisen im Allgemeinen für einen, zwei, drei Monate in das Schwarze Meer… Aus dem schönen schlammigen fetten danubischen Schlick macht man Ziegel. Aus Ziegeln baut man Häuser, bleicht sie und deckt mit Dachpfannen. Es gibt üblich viel Schlick. Nach dem Abnehmen nimmt man ihn von den Ufern der Donau, vom Boden der Altwasser heraus. Man befestigt damit die Ufer der Altwasser, die Zugangswege zu den Häusern. Die ganze Stadt wie ein märchenhaftes Wunder entstand aus diesem Schlick, schmückte sich und bekam eine irdische Gestaltung.
   Und ich ging durch ihre Straßen, ihre Altwasser, um sie näher kennen zu lernen, wie die Zeit es erlaubte. Diese kleine Stadt ist sehr sauber, als ob eine ganze Armee von Hausmeistern in der Nacht kehrt und wäscht sie, sie ist ordentlich wie ein erfahrener pedantischer Apotheker. Ihre Hauptstraße ist mit großen flachen Steinen gepflastert, die Fußsteige sind aus roten Ziegeln gemacht, die durch Zeit und Fußsohlen poliert sind. Die Häuser der Hauptstraße entlang sind aus demselben Schlick gemacht, einstöckig, weiß bis zu Schmerzen in den Augen, mit der gewöhnlichen roten oder blauen Bordüre die Basis entlang, und sind dem Kiel des Schiffes ähnlich.    Es scheint, dass die Stadt an diesem Morgen entstand. Sie ist so sauber und frisch. Die Fußsteige wurden mit Bäumen bepflanzt, die Stämme der Bäume sind bis zur Hälfte mit dem Kalk gebleicht, die Strommasten, die auf dieser Linie stehen, sind auch mit Kalk gebleicht. Und alle fünf bis zehn Schritte gibt es monumentale weiße Urnen, und seltener gibt es Blechwannen, in die jemand Unsichtbarer die gefallenen Blätter sammelt. Eine Wasserlache – das ist unglaublich! Das kann nicht sein. Genau wie die Anwesenheit der Wanzen und Schaben in den Häusern der Bewohner Vilkovos. Mein kurzer Aufenthalt in Vilkovo erlaubte mir nicht festzustellen, wann die letzten Wanzen und Schaben begraben waren. Es kann jedoch sein, dass sie überhaupt nicht da waren.
   Ja, Vilkovo ist sehr sauber und sehr ordentlich. Ihre Ordentlichkeit hat aber keine erstaunliche Gleichmäßigkeit mancher modernen neuen kleinen Städte, die ordentlich und traurig künstlich sind, sie hat nichts von ihrer sprichwörtlichen Sauberkeit, um die man „kämpfen“ muss. Man kämpft um die Sauberkeit in Vilkovo nicht, hier lebt man einfach sauber. Ich sah auf den Straßen keine Bataillone von Vögeln und anderen Vögeln, keine fröhlichen schmutzigen Schweine, die sich vor aller Augen der Passanten amüsieren, keine herrenlosen Hunde, die um eine Liebesgabe bitten. Ich sah aber etwas anderes. Vor allem sah ich, wie sich ein gesellschaftliches Bewusstsein in der Tätigkeit der Menschen, sogar in Kleinigkeiten äußert. Ich sah, wie ein auf den ersten Blick unwichtiger Kult der Blumen den Geschmack erzieht. Ich sah etwas Unwesentliches, was im Großen und Ganzen ein Gesicht der Familie, der Straße, der Stadt, des Volkes bildet.
   Stellen Sie sich ein Altwasser vor, von dem ich schon gesprochen habe. Das ist ein eigenartiger Straßenpflaster, ein Weg. Das ist ein öffentlicher Weg. Der Weg muss in Ordnung gehalten werden. Das Altwasser soll vom Schlick gereinigt werden, sonst kann man dadurch zu Besuch nicht schwimmen, die Güter nicht transportieren, das Wasser für Gartenbewässerung nicht herausnehmen. Dieser öffentliche Weg braucht Aufmerksamkeit, ebenso wie ein üblicher Weg in gewöhnlichen Wohngebieten. Sobald die Männer mit ihrer schwierigen Arbeit weit im Meer beschäftigt sind, nutzen die Frauen und Kinder den Rückgang des Wassers und bringen den öffentlichen Weg auf ihrem Gelände, vor ihren Häusern in Ordnung. Und sie versuchen es so möglich besser zu machen. Diesen Wettbewerb setzt man von Generation zu Generation fort.    Der zehnjährige Junge kam aus der Schule, zog seine weißes Hemd und rote Krawatte ab, nahm eine Schaufel und ging zum Altwasser. Er reinigte es lange und tüchtig vom Schlick. Niemand beauftragte ihn mit dieser Arbeit. Es war keine Dienstverpflichtung. Die zurückgekehrte Mutter dankte ihm und lobte ihn nicht dafür: das ist doch gewöhnlich, das Gemeineigentum in Ordnung zu bringen.
   Und im städtischen Kinotheater glänzt der gefärbte Fußboden, darauf liegen die frischen Teppiche, das Möbel in der Lobby erlaubt, sich gut auszuruhen, hier ist es kühl und ruhig.
   In anderen Kinotheatern der großen regionalen Städte habe ich einen solchen Komfort, solche Aufmerksamkeit auf die Besucher nicht bemerkt. Ich habe noch über die Abwesenheit des Kontrolleurs nicht gesagt. Man braucht ihn in Vilkovo nicht.
   Sie sollen sehen, wie die Stände in der kleinen Apotheke Vilkovos liebevoll und sorgfältig ausgestaltet sind, wo alle neuen Medikamente unter dem Glas ausgestellt sind, die in den letzten Tagen erhalten wurden. Jedes Arzneimittel hat eine kurze Annotation.
   – Warum ist die Apotheke nicht zu? Heute ist Samstag, Sie sollen bis drei Uhr arbeiten. Es ist doch schon fünf Uhr.
   – Wie kann ich zumachen: die Kranken kommen noch mit den Rezepten.

   Und die Blumen. Hier gibt es viele verschiedene Blumen. Man hat sie hier sehr gern. Man versteht sich in den Blumen gut. Wenn man die Brücke der Donaustraße entlang geht, sofort springt das Haus in die Augen. Das ist ein gewöhnliches weißes Haus mit vier Fenster, auf dessen Wand es Winden gibt. Das sind die rieseigen blauen Blumen. Aus der Ferne scheint es, al ob es das blaue Feuer ist, oder eine blaue Explosion, oder eine blaue Wolke, die die Wand bedeckt hat. Im nächsten Haus hat man die rosa Farbe gern, ein einem dritten Haus bevorzugt man eine rote Farbe. Welchen Pfingstrosen! Welche Rosen! Die Häuser versinken in Blumen, in der Buntheit, im Duft… Braucht man überhaupt dafür Zeit, Kräfte, Gedanken? Und die guten alten Frauen Vilkovos in den weißen Kopftüchern. Sie schaffen und pflegen diese Pracht, wie Doktoren der schönen Wissenschaften.
   Um fünf Uhr morgens spielten die Trommel und die Harmonika vor der Landebrücke. Wir schauten aus dem Fenster und sahen folgendes: hundert Menschen – die alten Frauen in weißen Kopftüchern, die alten Männer in festlicher Kleidung, die jungen Frauen, die Jungen, die Kinder haben die Hände auf die Schultern einander gelegt und im großen Kreis getanzt. Die Trommel spielte scharf, der Rhythmus war dem moldauischen Tanz „Zhok“ sehr ähnlich. Der riesige lebendige Kreis dreht in eine Richtung und dann in die andere, und alle haben Blumensträuße in den Händen.
   Die Gesichter sind konzentriert. Die neuen Menschen betreten den Kreis. Die Füße schreiten deutlich, rhythmisch. Die Trommel spielt „boom, boom-boom-boom-boom … boom, boom-boom-boom-boom …“. In diesem Reigentanz gibt es etwas vom georgischen kämpferischen „Khorumi“. In der der Mitte des Kreises steht rattenkahler Mann, an dem kreuz und quer die bestickten Handtücher hängen. In einem größeren Kreis dreht ein kleinerer Kreis, und darin dreht noch einer. Man begleitet den Jungen in die Armee. In der Seite steht sein Koffer. In der Nähe stehen große Teekannen mit einem jungen Wein. Wenn der Reigentanz stoppt, trinkt jeder, wer wünscht, ein Glas Wein. Und das Motorboot, das den Jungen nach Kilija bringen soll, steht schon an der Anlegebrücke. Es ist an der Zeit. Die Anlegebrücke entlang stehen die Begleitpersonen.
   Zweihundert Hände sind zum Motorboot ausgestreckt, wo der Junge mit den hängenden Handtüchern steht. Er steht knietief in der Blumen … Es ist Zeit. Das Motorboot setzt in Bewegung. Und dann fliegen die Blumensträuße von der Küste zum Motorboot, und der Junge wirft schnell die Blumen, die auf dem Deck liegen. Das Motorboot ist kaum zu sehen. Es ist schon verschwunden … Und die Blumen schwimmen weiter über die Donau – rote, blaue, weiße Blumen – über das gelbe langsame Wasser. Es ist eine Kunst, eine Blume bei der Begleitung des Freundes zu werfen, man muss es lernen.
   So blitzte vor mir Vilkovo durch. Man kann natürlich viel über ihr Fischwerk, die schwere Arbeit der Fischer, den Mut, den Kampf um einen Plan, den Alltag, den Betrieb erzählen. Aber jemand andere macht das. Der, wer ein Glück hat, in dieser kleinen Stadt länger zu leben. Ich habe nur die „Kleinigkeiten“ gesehen. An diese „Kleinigkeiten“ soll man jenen Menschen erinnern, die aufgrund der Umstände nicht kennengelernt hat oder nie in ihren Händen eine Blume gehalten hat, das Bedürfnis nach Sauberkeit, Schönheit, festlichem Alltag nicht fühlte.
   Vilkovo
   Region Kilija

„Literaturzeitung“, Nr.122 vom 10.11.1962.

Bulat Okudzhava